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5. März 1945
Bombardierung
der Chemnitzer Innenstadt

Chemnitz
Fakten
Fotos

Neu:
Der Lynchmord an einem kanadischen Flieger
 
Hintergründe
Warum Chemnitz?
England und Deutschland
europäische Perspektive





Bomben auf Chemnitz - die Fakten
Bis zum Frühjahr 1944 blieb Chemnitz von Luftangriffen weitgehend verschont, weil die Stadt noch außerhalb der Reichweite der alliierten Bomberverbände lag.  Ab Mai 1944 setzten die  Tages-Präzisionsangriffe der 8. US-Luftflotte ein, die den Stätten der Rüstungsproduktion galten. Sie beruhten allerdings auf unzulänglichen und veralteten Informationen über die kriegswichtigen Betriebe und waren insgesamt nicht sehr wirkungsvoll; der Rüstungsausstoß wuchs in Chemnitz weiter bis Anfang 1945.

Um die Großoffensive der Roten Armee zu unterstützen, wurden am 26. Januar 1945 die britischen Bomberverbände angewiesen, massive Angriffe gegen die noch  weitgehend funktionsfähigen Ballungszentren Mitteldeutschlands zu fliegen. Bei diesen nächtlichen Flächenangriffen der Royal Air Force sollten vor allem die Stadtzentren getroffen und so die Moral der Bevölkerung gebrochen werden.

Mit rund 700 Bombern startete die britische Luftwaffe zum großen Doppelschlag gegen die beiden letzten intakten Großstädte des Deutschen Reichs: nach Dresden am 13./14. Februar und nach Chemnitz in der folgenden Nacht. Die Attacke auf Chemnitz misslang weitgehend; unsere Stadt (Codename "Blackfin") blieb daher weit oben auf der Prioritätenliste.

Der nächste Generalangriff auf die Chemnitzer Innenstadt war für den 4. März geplant, musste aber wetterbedingt auf den 5. März verschoben werden. Die Hauptangriffswelle wurde von  683 Flugzeugen der Typen Lancaster und Halifax geflogen; zwischen 21.37 und 22.08 Uhr warfen sie zielgenau zunächst 413 Luftminen mit rund 800 t ab und dann 859 t Brandbomben und schließlich 1112 t Sprengbomben. Die Chemnitzer Innenstadt ging in einem Flammeninferno unter.

Vom 6. Februar bis zum 11. April 1945 rollten insgesamt 10 Luftangriffe gegen Chemnitz. Die daran beteiligten 2881 Bomber warfen 7716 Tonnen Sprengmittel und Brandsätze über dem Stadtgebiet ab. Bei diesen Luftangriffen kamen etwa 3600 - 4000 Menschen in Chemnitz ums Leben, über 2100 davon in der Nacht vom 5./6. März.

Mehr als doppelt so viele Chemnitzer, nämlich rund 8300 Angehörige der Wehrmacht und der Waffen-SS, fielen im 2. Weltkrieg bei aktiven Kriegshandlungen. Insgesamt muss also mit über 12000 Kriegstoten gerechnet werden, also ca. 3 % der Chemnitzer Vorkriegsbevölkerung.

Die Innenstadt hat es am härtesten getroffen: Sie wurde zu 80 % vernichtet.
Im gesamten Stadtgebiet wurden völlig zerstört:
  • 167 Fabriken; allerdings nur 17 der 50 Fabriken mit höchster Angriffspriorität
  • 84 (von 400) öffentliche Gebäuden
  • rund 27.000 Wohnungen (= ein Viertel aller Wohnungen) 
Nach sorgfältiger Prüfung der Aufklärungsaufnahmen wurde in der englischen und amerikanischen Presse zwei Tage später Chemnitz "als weitere tote Stadt abgeschrieben".

Dieselbe Botschaft verkündet auch die Karteikarte zu Chemnitz, die das Bomberkommando der britischen Luftwaffe in seiner internen Dokumentation abgelegt hat. Darauf sind unter den Überschriften "Before" (vorher) und "After" (danach) die beiden folgenden Luftaufnahmen montiert:

Luftaufnahme
Luftaufnahme
Neumarkt vor der Bombardierung
Neumarkt nach der Bombardierung
zur Orientierung:
unten mitte: Chor der Jakobikirche und (unzerstörtes) Neues Rathaus
oben links: Roter Turm


Website 2005: Fotos von Brückner und von der Paulikirche






Bombardierung von Großstädten - die Hintergründe
 - Argumente zu den historischen Zusammenhängen -
Die Fakten zur Bombardierung von Chemnitz sind bekannt und unstrittig - doch die Frage nach dem "Warum?" treibt die Menschen bis heute um.

Da werden konkrete Angriffsobjekte genannt (rüstungswichtige Industrie, Verkehrsinfrastruktur) oder man verweist auf strategische Zusammenhänge (Vormarsch der Roten Armee unterstützen) oder auf kriegspsychologische Ziele
(Bevölkerung demoralisieren). Das ist alles richtig, aber keineswegs hinreichend zur Erklärung.

Chemnitz war ja die letzte deutsche Großstadt, die einem Flächenbombardement zum Opfer fiel. Wer einen solchen Angriff zwei Monate vor Kriegsende begreifen will, darf nicht bloß auf die Situation in Sachsen im Frühjahr 1945 schauen, sondern muß sich den gesamten Kriegsverlauf in Erinnerung rufen.

Und er muss noch einen Schritt weitergehen und sich mit der Kriegsvorbereitung in Friedenszeiten beschäftigen. Denn ganz Europa hat sich in den 20er und 30er Jahren offen auf diesen neuartigen Bombenkrieg vorbereitet.

Doch wenn
damals jeder wußte, was der Zivilbevölkerung in den Großstädten bevorstehen würde, warum hat niemand rechtzeitig Einhalt geboten? Wer sich heute für den Frieden einsetzt und etwas aus der Geschichte lernen will, der sollte sich die Frage stellen, wie man damals diese Militärdoktrin der Flächenbombardierung hätte bekämpfen und die massenhafte Aufrüstung mit Fernbombern hätte verhindern können.



Von Tätern und Opfern  -  in
Deutschland und in England

Chemnitz, 5. März 1945: Große Teile der Innenstadt sinken
in dieser Bombennacht in Schutt und Asche. Menschen sterben durch die explodierenden Bomben, in Flammen und unter Trümmern. Der Krieg, der von Deutschland ausgegangen ist, kehrt an den Ursprung zurück.

Doch nicht nur der Krieg kehrt zurück, sondern auch eine spezielle Angriffstechnik.
Mit der Bombardierung von Großstädten hat im Zweiten Weltkrieg nämlich die deutsche Luftwaffe begonnen: zuerst in Warschau (1939), später in Rotterdam (1940). Sie hat diese Strategie weiterentwickelt (z.B. den zeitversetzten Einsatz zuerst von Brandbomben, dann von Sprengbomben) und zum zentralen Bestandteil des Luftkriegs in England (ab 1940) gemacht. Im Deutschen Reich wurde dieser Bombenkrieg in Schlagern besungen ("Bomben auf Engeland") und von Medien bejubelt. "Ganz Birmingham ein Flammenmeer", "Coventry ausgelöscht", "Coventry, die tote Stadt", "Oedes Höhlenleben der Londoner" - solche Schlagzeilen aus den Chemnitzer Tageszeitungen zeigen, dass Journalisten und Leser ohne Zweifel wussten, dass es bei diesen Angriffen nicht - wie die deutsche Propaganda vorgab - um die Zerstörung von Fabriken ging, sondern dass die Großstädte und ihre Bewohner das Ziel waren. Was die deutsche Luftwaffe 1939 /40 vorexerziert hatte, traf ab 1941die Städte des Deutschen Reichs - und Jahr um Jahr in immer vernichtenderer Perfektion, bis zu den Schluss-Fanalen in Dresden und Chemnitz.

Oft wird heute die Schuld bei
den Kommandierenden im 2. Weltkrieg gesucht, die in Deutschland und England die Befehle für solche Angriffe gaben - und die auch schon im Krieg als sehr umstritten galten. Sie tragen Verantwortung. Und sie müssen sich den Vorwurf einer besonders inhumanen Kriegsführung, die Zivilisten traumatisiert und das Kulturerbe verachtet, gefallen lassen. Doch sie können auch darauf verweisen, dass der Krieg gegen die Großstädte nach dem damals geltenden Kriegsrecht zulässig war und dass sie begründbare strategische Kriegsziele verfolgten. Auch wenn es uns im Gedenken an die Toten und an das unermessliche Leid der Überlebenden schwer fällt, so sollten wir doch bei der Wahl der Worte das rechte Maß finden: Aus historischer Redlichkeit und aus Respekt vor den Opfern von Holocaust, Kriegsverbrechen und Terrorismus dürfen wir solche Begriffe nicht als Etikett für die deutschen oder alliierten Bombardierungen von Städten missbrauchen.

Wer die gesamte Schuld den Verantwortlichen während des 2. Weltkriegs zuschiebt, vergisst, dass  diejenigen Generäle und Regierungen mitverantwortlich sind, die in Friedenszeiten den Krieg vorbereitet haben. Diese haben sich für bestimmte Konzepte der Kriegsführung entschieden und die Rüstungsproduktion entsprechend vorbereitet. Man darf also nicht nur von Arthur T. Harris sprechen, der von 1942 - 1945 das britische Bomberkommando leitete und - trotz Kritik aus Generalität und Kabinett - äußerst hartnäckig die Zerstörung der deutschen Städte vorantrieb. Genauso zu nennen sind Christiaan Smuts und Hugh Trenchard, die Initiatoren der britischen Luftrüstung; sie haben bereits Ende der 20er / Anfang der 30er Jahre die militärischen und politischen  Weichen für den Angriff mit Fernbombern gestellt.

Die europäische Perspektive:

Kriegsvorbereitung  -  Ängste  -  Proteste  -  Versagen

Eine
rein nationale Perspektive wird der Brisanz des Themas "Bomben gegen Großstädte" überhaupt nicht gerecht. Sowohl Luftmarschall Göring als auch Smuts und Trenchard griffen nämlich - unabhängig voneinander und Jahre vor Kriegsbeginn - dieselbe weit verbreitete und anerkannte Militärdoktrin auf, den sog. Douhetismus.

Der italienische Luftmarschall Giulio Douhet hatte bereits 1921 sein militärtheoretisches Werk "Die Luftherrschaft" veröffentlicht; es wurde in mehrere Sprachen, auch ins Deutsche (1935), übersetzt. In diesem die folgenden Jahrzehnte prägenden Werk wurde klar und konsequent ein neues Strategiekonzept entwickelt: Um nicht - wie im 1. Weltkrieg - Millionen von Frontsoldaten in Schützengräben, Stellungskrieg und Materialschlachten sinnlos zu opfern, sollte der Krieg ins Hinterland des Gegners verlagert und mit Spreng-, Brand- und Giftgasbomben die Großstädte angegriffen werden. Würden ganze Städte mit ihren Verkehrsknoten, Fabriken und Facharbeitern durch solche Flächenbombardements vernichtet, so wäre der gegnerischen Front der Nachschub entzogen und die Bevölkerung demoralisiert. Wer einen Krieg mit solchen Erstschlägen beginnt, der hat ihn - so prognostizierte Douhet - schon gewonnen, bevor der Feind überhaupt seine Front richtig aufbauen konnte.

Fast alle europäischen Staaten, die in den 20er und 30er Jahren aufrüsteten, sind (zumindest phasenweise) dieser Doktrin gefolgt. Man wollte über Fernbomber als strategische Erstschlagswaffen verfügen und hat deshalb die Entwicklung von Bomberflugzeugen von immer größerer Reichweite und Ladekapazität vorangetrieben. Doch der Aufbau einer strategischen Bomberflotte benötigte mindestens vier Jahre; bei Kriegsbeginn verfügte kein Staat über eine für einen Erstschlag ausreichende Zahl von Flugzeugen.

Innerhalb der Generalstäbe und Regierungen gab es heftige Diskussionen zwischen den "Douhetisten" und denen, die für andere Luftkriegs-Strategien optierten: in Deutschland z.B. für die Sturzkampfbomber gegen Punktziele oder in England für die Radar-gestützte Luftabwehr. Man prüfte auch genau die taktischen, rüstungspolitischen und finanziellen Vor- und Nachteile von Douhets Doktrin.

Auch
die Bevölkerung hat geahnt, dass im nächsten Krieg die jahrhundertealte Trennung zwischen "Front" und "Heimat" aufgehoben sein würde und dass die Zivilisten in den industriellen Ballungszentren sogar vorrangig ins Visier der Militärs geraten würden. Diese Ängste wurden sowohl in demokratisch als auch in diktatorisch regierten Staaten von den Medien thematisiert - und nicht selten instrumentalisiert, z.B. für den Ausbau einer eigenen präventiven Fernbomberflotte.

In Deutschland war die Sorge der Bevölkerung vor dem neuartigen Luftkrieg besonders groß, da der Versailler Vertrag sowohl die Entwicklung und den Besitz eigener Luftkampfmittel als auch (bis 1926) Defensivmaßnahmen zum Schutz der Bevölkerung verbot. In Chemnitz beschäftigte sich erstmalig die Chemnitzer Allgemeine Zeitung (am 3. April 1927) mit "Deutschland und die Luft-Abrüstung". Spätere Zeitungsartikel blieben nicht so sachlich; unter Schlagzeilen wie "Gastod bedroht Europa" oder "Unsere Stadt - ideales Ziel für Luftangriffe" wurden drastische Bedrohungsszenarien entwickelt, z.B. wie Chemnitz von gigantischen tschechischen Luftflotten angegriffen wird (Chemnitzer Neueste Nachrichten, 7. April 1931 und 22. Januar 1932).

Bei der Suche nach Verantwortung dürfen wir uns nicht auf die militärische und politische Führung begrenzen. Die Flächenbombardierungen wurden nicht - wie z.B. die Atombombe - während des Kriegs mit hoher Geheimhaltung geplant, sondern 15 Jahre lang in aller Öffentlichkeit diskutiert und vorbereitet.
Die europäische Zivilgesellschaft hat es jedoch in Friedenszeiten versäumt, die menschenverachtenden Planspiele der Luftstrategen an den Pranger zu stellen und den Douhetismus als inhumane Kriegsführung zu brandmarken. Und vor allem wurde der beste Zeitpunkt zum Verhindern verpasst: bevor die Bomberflotten konzipiert und gebaut wurden.

Als Douhets Doktrin erstmals umgesetzt wurde, nämlich
  • 1935 bei der Bombardierung von abessinischen Dörfern durch die italienische Luftwaffe,
  • 1937 bei der Bombardierung von Guernica durch deutsche Flugzeuge ("Legion Condor"),
war durchaus ein öffentlicher Aufschrei in Europa zu hören  - doch viele haben damals nicht begriffen, dass diese "Testfälle" die (letzte) Chance gewesen wären, den strategischen Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung im Ansatz zu verhindern.

Dass eine solche öffentliche Ächtung von Waffen durchaus Erfolg haben kann, zeigt das Beispiel Giftgas. Die traumatisierenden Erfahrungen aus dem 1. Weltkrieg hatten dazu geführt, dass Zivilisten wie Militärs sich in den 30er Jahren auf den Schutz vor zu erwartenden Angriffen konzentrierten. Giftgasgranaten und -bomben wurden zwar produziert, spielten aber bei der Kriegsvorbereitung keine wichtige Rolle. Da niemand der Erste sein wollte, der dieses Kampfmittel einsetzte, blieb den Menschen in den bombardierten Städten das erspart, was sie vor dem Krieg am stärksten geängstigt hatte: der schleichende Tod durch Giftgas. Dies gilt auch ganz konkret für Chemnitz: Anfang 1945 hatte die britische Regierung zwar den Einsatz von chemischen und biologischen Massenvernichtungswaffen gegen Chemnitz in Erwägung gezogen, dies aber rasch wieder verworfen.

Am 5. März 1945 wurde dann in unserer Stadt die Vision, die Douhet 24 Jahre zuvor entwickelt hatte, zur vernichtenden Realität:

"Man stelle sich nur einmal vor, was in einer Großstadt vor sich geht, deren Zentrum im Umkreis von rund 250 Metern durch eine 20 Tonnen Last von Luftzerstörungsmaterial verheert wird. Einschlag auf Einschlag! Brände, Explosionen, einstürzende Häuserfronten. Darüber wälzt sich das Giftgas. Die Feuersbrünste greifen um sich, die Verbindung zwischen den Brandherden und ihrer Umgebung ist unterbrochen, immer heller lodern die Brände, während das Gas seinen furchtbaren Weg zieht.

Das Leben in dieser Stadt ist erstickt. Die großen Verkehrsadern, die sie durchziehen, sind gelähmt. "

(aus: Giulio Douhet, Die Luftherrschaft, Berlin 1935, S. 49)


Bei zwei Punkten traf allerdings Douhets Prognose nicht ein: Giftgas wurde in Chemnitz nicht eingesetzt, und die Bombenlast war 35-mal so stark. Dass nicht 20 Tonnen (auf einem Viertel-Quadratkilometer) sondern fast 2800 Tonnen (auf ungefähr einem Quadratkilometer) innerhalb einer halben Stunde abgeworfen würden, dürfte auch Douhets Vorstellungskraft überstiegen haben.




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